der Sommer

Dichte Nebelschwaden liegen noch über der Wiese. Es ist ein typische Sommermorgen in der Nähe eines Sees.
Die Sonne klettert hinter den Bäumen des Waldes hervor und blinzelt noch etwas verschlafen mit ihren roten Strahlen.
Auf einer Wiese am Hang steht in diesen frühen Morgenstunden schon der Schäfer mit seiner Herde.
Die Arme auf seinen hohen Stock gestützt, dirigiert er seine beiden Hunde. Sie sollen die Herde zusammenhalten, was ihnen zu dieser Zeit noch nicht allzu schwer fällt, denn auch die Schafe sind noch recht behäbig in ihren Bewegungen. Langsam und ohne Hast
geht diese ein Stück weiter nach oben, um sich dort von den ersten Sonnenstrahlen wärmen zu lassen.
Leichter Wind kommt auf und scheint die Nebelschwaden auf den See zu treiben. Auf der glatten Oberfläche bilden sich kleine Wellen, vorbei ist es mit der Spiegelfläche.
Die Sonne ist auf ihrer Bahn weiter gezogen und auch der Nebel über dem See ist vom Wind fortgetrieben worden.
Über einem Feld steigt, immer vor sich her trällernd, eine Lerche hinauf in den Himmel.
Der Fischadler beginnt seinen morgendlichen Rundflug über das Wasser. Plötzlich legt er seine Flügel ganz eng an den Körper
und fällt wie ein Stein hinab, mit den Krallen zuerst ins noch kalte Nass. Mit kräftigen Schlägen seiner Schwingen kommt er wieder hoch, in seinen Fängen einen großen Fisch, sein Frühstück dürfte damit gesichert sein.
Allmählich beginnt die Stadt zu erwachen.
Die ersten Menschen begegnen sich in den Straßen auf dem Weg zur Arbeit. Kinder stehen an den Bushaltestellen, denn es wird Zeit für die Schule.
Der Duft von frischem Gras und der feuchten Luft der Nacht zieht einem in die Nase.
Die Bienen beginnen ihren alltäglichen Rundflug auf der Suche nach dem Tau der Nacht, der sich in großen Perlen auf den Pflanzen niedergelegt hat.
Der Himmel ist jetzt tiefblau und lässt erahnen, dass dieser Tag ganz besonders warm werden wird.
Nicht eine Wolke ist am Horizont zu sehen. Eine Zeit später tummeln sich bereits die ersten Badelustigen im Strandbad.
Sie haben ihre Decken ausgebreitet, um sich vor dem noch etwas feuchten Gras zu schützen und einen weicheren Untergrund zu haben, denn die Zeit ist lang an einem solchen Tag.
Jeder möchte so viel wie möglich von den wärmenden Strahlen erhaschen, denn noch immer gilt das Motto,
„nur wer braun aus dem Urlaub kommt, war wirklich im Urlaub“, sonst hätte man ja auch zu Hause bleiben können.
Über dem Asphalt der Straßen beginnt bereits die Luft zu flimmern und hier und da beginnt der Teer sich schon zu verformen.
Die Autofahrer haben ihre Scheiben herunter gedreht, um etwas Kühlung durch den Fahrtwind zu bekommen.
Wohl dem, der in dieser Jahreszeit eine Klimaanlage in seinem Fahrzeug hat.
Mit einem kühlen Kopf lässt es sich besser auf den Verkehr konzentrieren. Und das ist gerade im Sommer besonders schwierig.
Die Röcke der Mädchen werden immer kürzer und die Männer blicken ihnen immer öfter hinterher – kein Wunder, daß da die Zahl der Auffahrunfälle in die Höhe steigt.
In der Zwischenzeit sind die Strände und Wiesen bis auf den letzten Platz gefüllt.
Es sieht aus, wie ein Teppich aus nackter Haut. Hier und da ein paar helle Flecken der neu dazugekommenen,
dort wieder einige Stofffetzen, eben eine Fläche aus lauter bunten Farbtupfern. Auch heute Abend werden einige von ihnen
wieder feststellen, dass zu viel Sonne nicht unbedingt gut ist und sie werden ihren Sonnenbrand pflegen.
Aber schon am nächsten Tag sind sie wieder da, neu Wärme tanken, eben doch Bräune um jeden Preis.
Der Tag geht zur Neige. Die Strände leeren sich, nur vereinzelt sind noch einige Pärchen zu sehen, die sich auf eine längere Nacht eingestellt haben, Decken, dicke Pullover, Getränke sind da und auf dem Steinplatz hat irgendwer schon ein Lagerfeuer angezündet.
Langsam kommen immer mehr Jugendliche, setzen sich um das Feuer in einem Kreis herum. Jemand hat einen Recorder mitgebracht
und so langsam kommt Stimmung auf. Wer heute Abend am See entlang spazieren geht, wird hier und da über die im Wald liegenden Pärchen „stolpern“.

Und so wird dieser Sommertag enden, wie all die anderen zuvor. Die Sonne gönnt sich eine kurze Ruhepause, um schon am frühen Morgen wieder unserem Schäfer bei der Arbeit zuzusehen.