die Erinnerung

Der Wind spielt mit ihrem Haar. Es ist grau geworden, nicht etwa vom Alter, nein, so alt ist sie noch nicht, Staub hat sich in ihren schönen Locken abgesetzt.
Sie sitzt auf einer Bank, unweit eines kleinen Teiches. Um sie herum befindet sich ein Park. Eine Oase in mitten der riesigen Stadt.
Der richtige Ort um zu verweilen, nachzudenken oder neue Kraft zu tanken. Langsam lehnt sie sich zurück, ihr Haar fällt hinter der Lehne herunter.
Es ist so lang, daß es fast den Boden berührt. Nur der Wind hält es davon ab, mit dem Rasen zu spielen. S
ie schließt ihre wunderschönen blaugrauen Augen, als ob sie schlafen wollte. Und nur die Sonne und der Wind sind noch da, um sie zu beschützen.
Ihre Gedanken gehen zurück, zurück an einen Punkt in ihrem Gedächtnis, den sie bis heute nicht vergessen hat.
Es war an einem dieser warmen Tage im Sommer, an denen man am liebsten die ganze Nacht durchmachen möchte.
An diesem Tag hatte sie ihren jüngeren Freund eingeladen. Sie wollte nach langer Zeit wieder einmal mit ihm allein sein, ohne daß jemand ihre Zweisamkeit stören konnte.
Für diesen Tag hatte sie sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Schon lange wollte sie ihm einen besonderen Rahmen bieten, um ihm ein Geschenk zu machen.
Es gab viele Dinge, die seine Aufmerksamkeit erregt hatten. Viele, die er sich aber nicht leisten konnte, dazu verdient er in seinem Job einfach zu wenig Geld.
Bei ihr war das etwas Anderes, sie arbeitete in der Computerbranche als Programmiererin und konnte sich so Vieles kaufen, von dem Andere nur träumten.
Der Strand war wieder einmal übervoll, aber das machte Beiden nichts aus.
Sie waren schon rechtzeitig gestartet und hatten sich so einen der besten Plätze an den Dünen gesichert.
Um ihren Platz herum hatten sie einen Wall aus Sand und Muscheln gebaut, den sie noch mit einigen Zweigen, die in der Umgebung lagen, befestigten.
Nur wer ganz nah an ihre Stelle heran kam, konnte in ihre „Burg“ sehen.
Und so fühlten sie sich auch ungestört, konnten miteinander spielen ohne daran denken zu müssen, entdeckt zu werden.
Der Tag ging langsam zur Neige und an ihren Gesichtern konnte man erkennen, daß die Sonne ihre Wirkung nicht verfehlt hatte.
Ihre Körper waren leicht gerötet, nur auf ihrer linken Brust war der Abdruck einer Hand zu sehen.
Sie muß wohl zu lange auf dem Rücken gelegen haben und er hatte unbemerkt seine Hand auf ihre Brust gelegt.

Nachdem sie sich angezogen und ihre Sachen eingepackt hatten, gingen sie in eines dieser neuen, hellen Strandkaffees die hier in den letzten Jahren entstanden sind.
Eine schöne Tasse Kaffee und ein kühles Eis waren jetzt genau die Dinge, die ihnen die Kraft wiedergeben würde, die ihnen der Tag und die Sonne genommen hatten.
Langsam kam die Zeit für sie, mit ihm dort hinzugehen, wo sie das richtige Geschenk finden würde. In einem Schaufenster eines Juweliers lagen schöne Uhren.
Er hatte ihr schon oft von einer ganz bestimmten Marke vorgeschwärmt. Sie hatte das Leuchten in seinen Augen dabei gesehen und daran gedacht, ihm damit eine Freude zu machen. Er hätte sich diese Uhr vom Munde absparen müssen, denn sie war aus Titan mit Saphirglas, wasserdicht. Alles, was sich ein junger Mann so erträumt. Der Preis störte sie nicht, er war nicht entscheidend. Viel wichtiger war ihr das Strahlen in seinen Augen, die Freude in seinem Herzen. Sie nahm ihn an die Hand und ging mit ihm zu diesem Juwelier, sah in das Schaufenster, ging in den Laden. Er glaubte, sie wollte sich einen Ring oder eine Kette kaufen. Daß sie seinetwegen hier waren, daran dachte er nicht. Und dann lag sie da, die Uhr die er so gern besessen hätte. Sie ließ sie sich zeigen, legte sie um sein Handgelenk und bemerkte wie er sichtlich nervös wurde. Jetzt schien er zu ahnen was sie vor hatte. „Gefällt sie Dir“, fragte sie mit einem Lächeln. Natürlich gefiel sie ihm, aber er traute sich nicht ihr das zu sagen, weil er genau wußte, sie würde ihr Scheckbuch herausholen und die Uhr kaufen. „Du darfst sie gleich umbehalten, ich schenke sie Dir“.
Er wurde rot, diese Uhr war einfach ein Traum und sie kaufte sie so einfach. Im Innern war er glücklich über ihre Entscheidung.
Er legte seinen Kopf auf ihre Brust und umarmte sie mit einer Herzlichkeit, die sie erwärmte, mehr als jeder Kuß zuvor.
In diesem Augenblick hätte sie ihn auf der Stelle lieben können. Doch das hätte einen falschen Eindruck erwecken können.
Sie wollte ihm einfach eine Freude machen und das war ihr offensichtlich gelungen.
Auf keinen Fall wollte sie ihm etwas kaufen, nur um mit ihm hinterher zu schlafen. Nein, das wäre völlig falsch.
Seine wahren Gefühle würde er ihr schon irgendwann zeigen. Es ist eine Frage der Zeit und davon hatte sie genug.

Etwas zu überstürzen, jemanden zu sehr drängen, kann mehr verderben als man im Augenblick eigentlich will.